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Die Sublimierung des Verstandes in Liebe PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Adalbert Podlech   
Montag, 12. Januar 2009 um 01:00 Uhr
   

Adalbert Podlech

 

 Die Sublimierung des Verstandes in Liebe  

Der folgende Text des Prologs war Martin Gregor-Dellin 1986 zum 60. Geburtstag zugeeignet. Er bleibe seinem Gedächtnis gewidmet.

  

Abaelard ist der erste geschichtlich greifbare Intellektuelle Europas. Er hat als einzelner gedacht und gehandelt, nicht im Schutze von Institutionen. Die Wirkung des rationalen Arguments hat er überschätzt und die Beharrlichkeit bestehender Interessen unterschätzt. Er war ein Mensch des Verstandes und seine Leidenschaft die Logik. Er betrieb sie besessen fast und nicht allein der Wissenschaft wegen. Sie war ihm Mittel zu zeigen, daß keiner ihm gleich sei. Mit 22 Jahren beschließt er, von Lehrern nichts mehr lernen zu können und eine eigene Schule zu gründen. Sein Erfolg trifft die Lehrer dreifach: Sie halten seinen Argumenten nicht stand, sie verlieren ihre Schüler an den Außenseiter, und dieser überschüttet sie zu alledem mit Hohn. So werden aus Gegnern Feinde. Und Gegner braucht Abaelard, um seine Einzigkeit immer neu zu beweisen. Der Erstgeborene Sohn eines Ritters zieht umher – peripateticus palatinus wird er genannt – und sucht sich die Gegner, wie ein Ritter die Turnierpartner sich sucht. Ruhm (gloria) ist sein Verlangen. Seine Lanzenstiche des Wortes treffen nicht nur, sie verletzen und sollen verletzen. Der Erfolg jedoch gibt ihm recht. Von keinem Turnierplatz tritt er ruhmlos ab. Die Kunde des Ruhms (fama) läuft durch die Welt. Seine Gegner bezichtigt er des Neides (invidua). Mit 35 Jahren hat er das zu seiner Zeit Höchste erreicht, die Leitung der Domschule in Paris. Seine Konkurrenten hat er hinter sich gelassen, verbittert, erledigt, ja zerbrochen. Ohne ein Gespür für die Macht der Institutionen ahnt er nicht, daß sich in ihrem Schutz einige rächen werden. 

Bis zu diesem Zeitpunkt hat Abaelard noch nicht gezeigt, daß er Menschen begegnen könnte, sie verstehen, sie nehmen, sie gar lieben könnte. Als er fast vierzigjährig und situiert bemerkt, daß es noch einen Turnierplatz gibt, der ihm fremd blieb, ist er der Überzeugung, daß keine Frau ihm widerstehen wird. Kühl, wie er meint, beschließt er, mit einem Mindestmaß an äußerem Aufwand und persönlichem Einsatz sich eine Geliebte zu nehmen, eine neunzehnjährige Schülerin zu verführen. Ahnungslos betritt er eine neue Welt.

Unvermittelt trifft ihn die Lust des weiblichen Körpers. Sie zerreißt von einem Tag auf den anderen die Fesseln der Disziplin, der ein mittelalterlicher Kleriker unterworfen war, der alles auf die wissenschaftliche Karriere setzte. Nie mehr will er diese Lust verlieren, und er ist bereit, Stellung und Karriere zu riskieren. Aber so aus jeder ihm bis zu diesem Zeitpunkt selbstverständlichen Ordnung gerissen, trifft ihn ebenso unvermittelt ein Zweites: die Liebe. Die Leidenschaft dieser Frau, zuerst ein auswechselbarer Körper nur, die Bedingungslosigkeit ihrer Liebe zu ihm, die Größe, mit der sie zu allem steht, was sie mit sich geschehen läßt und was sie tut, die Erfahrung, daß ein Geist ihm ebenbürtig ist: Heloisa durchbricht die narzistische Vereinsamung Abaelards.

Nicht lange hat er Zeit, die neue Fähigkeit einzuüben, einem Menschen Mensch zu sein. Nach wenigen Monaten schon trifft ihn die erste Katastrophe. Er wird kastriert: eine Familienrache für die verführte Frau. Der Fähigkeit zur Lust für immer beraubt, nun endgültig aus allen seiner Zeit vorstellbaren Ordnungen geworfen, ohne die Gegenwart des geliebten Menschen, droht die Gefahr, Auf-gebrochenes für immer zu verschütten. Eine Abfolge von Katastrophen gliedert hinfort sein Leben. Der Verschnittene flüchtet in ein Kloster und überwirft sich mit dem Konvent: der Individualist widersteht der üblichen Ordnung. Er beginnt Vorlesungen in Theologie und ein Konzil zwingt ihn, diskussionslos sein Vorlesungsmanuskript zu verbrennen: die wissenschaftliche Rache lächerlich gemachter Mitschüler von einst. Er gründet den Parakleten als freie Hochschule in der Einöde und bricht unter Verfolgungswahn zusammen: die Vorstellung, als Wissenschaftler der einzige zu sein, und die Unfähigkeit, Umwelt wirklich zu sehen, lassen ihn bedrohlich alles auf sich beziehen. Er nimmt die Wahl zum Abt eines bretonischen Klosters an und scheitert an der Inkongruenz zwischen seiner Spiritualität und der feudalmännlichen Klosterwelt: ein Mordversuch seiner Mönche macht ihn zum heimatlosen Flüchtling. Und als er schließlich an die Stätte seines ersten Wirkens zurückkehrt, auf den Genovefa-Berg in Paris, und die akademische Jugend ihm nochmals Erfolge schenkt, da tritt Bernhard von Clairvaux gegen ihn auf, der mächtigste Kirchenmann seiner Zeit, läßt ihn auf dem Konzil von Sens verurteilen und erwirkt vom Papst, seiner Kreatur, den Spruch ewigen Schweigens.

Diese Katastrophen treffen Abaelard jeweils doppelt. Außen sind sie immer wieder ein Abbruch mühsam erkämpfter Möglichkeiten, in einer neuen Umwelt zu leben. Innen sind sie ein Scheitern des eigenen Geltungsanspruchs. In der Abfolge dieser Katastrophen ist alles Bleibende von Heloisa bstimmt. Er schenkt ihr und ihren Nonnen den Parakleten, bewahrt sie so vor Heimatlosigkeit und gibt der beginnenden mittelalterlichen Frauenbewegung Regel und Ordnung; er durchzieht für Heloisa seinen Stolz überwindend bettelnd die Ile-de-France zum Gespött der Leute; er entwickelt eine neue Theologie der Liebe, er denkt, schreibt, dichtet und komponiert für sie; er formuliert mit ihr eine neue Ethik, als Gewissensethik für das Mittelalter revolutionär, Heloisa die Selbstachtung ihrer nie verleugneten Liebe ermöglichend und den Menschen der Zeit den Widerstand gegen das moralische Diktat der Kirche; er hält mit Heloisa den Kampf um ihre Seele aus, die sie ganz ihm schenkt und die er deswegen vor Gott verloren fürchtet, er als ihr Geliebter Grund der möglichen Verdammnis, er als ihr Mann, der sie ins Kloster zwang, er als ihr Abt und Seelenführer vor Gott verantwortlich für ihr Heil; sie ist nach der Verurteilung von Sens der einzige Mensch, vor dem sich zu rechtfertigen ihn drängt: sie und er, zwei Menschen, die nicht mehr durch gesellschaftliche Rollen verbunden sind, sondern die einander consortes geworden sind, Teilhaber eines Geschicks und somit verbunden durch ihre Existenz, Menschliches in der Gestalt historischer Individuen, wie es Heloisa in der Anrede ihres ersten Briefes in der Benennung und Aufhebung der Rollen beschreibt, bis nur noch zwei Namen zwei Menschen nennen: "An ihren Herrn oder vielmehr Vater, ihren Mann oder vielmehr Bruder, seine Dienerin oder vielmehr Tochter, seine Frau oder vielmehr Schwester, an Abaelard Heloisa."

Erst in der Abfolge von Katastrophen und in der Bindung dieses Paares, in der er für sie Gott ist in dem bedrohlichen Sinn, den diese Erfahrung für Gläubige des 12. Jahrhunderts hat, und sie der einzige Mensch seines Lebens, der ihm als Mensch, als unverwechselbarer und einziger begegnet, wird Abaelards Fähigkeit entbunden, etwas zu tun nicht zum eigenen Ruhm und in der Zerstörung anderer, Liebe zu erfahren und zu geben und aus dieser Liebe zu dichten und zu singen und eine neue Theologie der Liebe zu denken. Heloisa hat den Verstand des Intellektuellen Abaelard in die Liebe sublimiert, ihm Menschsein ermöglicht und das Christentum wieder vom Menschen her erfahrbar gemacht.

  

Prolog aus Adalbert Podlech, Abaelard und Heloisa oder Die Theologie der Liebe, München 1990

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 27. Januar 2009 um 22:42 Uhr
 
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