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Leben – Lust – Lebenslust PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Adalbert Podlech   
Dienstag, 27. Januar 2009 um 01:00 Uhr

Leben – Lust – Lebenslust

Text, gelesen am 24. Februar 2001
im Rahmen einer 24-stündigen Lesekette
für Toleranz und gegen Fremdenfeindkichkeit in Darmstadt

 

Leben ist sich selbst genug. Es hat sich in Jahrmillionen vervielfältigt in Arten und jedes lebende Individuum einer Pflanzen- oder Tierart ist nur eine zeitlich begrenzte Spanne des Lebensstromes seiner Art, nichts anderes, als das Leben der Art in dieser Zeit an diesem Ort. Die Individuen sind sterblich, die Keimbahn ist unsterblich – solange es die Art gibt. Der Tod ist eine Form des Lebens. Der Tod der Individuen ist eine Form des Lebens der Art.  

Leben ist sich selbst genug. Das Leben hat keinen Zweck außer sich selbst und Individuen haben keinen anderen außer dem, eine Welle im währenden Strom des Lebens zu sein.  

Der Mensch brachte die Zwecke in die Welt. Vielleicht nicht gleich im Anfang. Darüber wissen wir so wenig wie darüber, wie sich der Mensch aus dem großen Strom des ihn tragenden Lebens, von der Natur sonderte. Vielleicht war es auch nicht der Mensch, der die Zwecke in die Welt brachte, sondern erst der Mann, der Mann, als er sich zum maß-geblichen Menschen erklärte. Wann das genau war, wissen wir auch nicht. Aber es geschah. "purusha", "mánu", "al-insān", "homo", "l’homme", "man", die Sprache zeigt es: Der Mensch ist Mann. Seitdem der Mann der maßgebliche Mensch ist, gibt es Zwecke zu verwirklichen außer dem bisher einzigen – zu leben, zu leben und in Lust Menschsein zu geben und zu empfangen. Macht, Erfolg, Wohlstand, Anerkennung, Ehre, Herrschaft, Profit, immer neue Zwecke erfand der Mensch, der Mann, der Mannmensch, und teilte damit die Menschen der Gruppe, in der er lebte, ein in die, die Ziele erreichten, die Herren und die Reichen, und in die anderen, die sie nicht erreichten, die Machtlosen, die Erfolglosen, die Armen, die Mißachteten, die Ehrlosen, die Untertanen. Die Zwecke und Ziele wurden immer wichtiger und irgendwann konnten sich die Menschen den Zwecken und Zielen nicht mehr entziehen. Ziele zu erreichen, Zwecke zu verwirklichen wurde ein Gebot und Gebote verlangten Gehorsam. Die Moral war erfunden. Götter und Gott wurden die Träger der Forderung von Gehorsam. Die Menschen hatten sich dem Leben und damit sich selbst entfremdet. Göttinnen und Götter, im Ursprung die Erscheinungsformen verehrter Lebenskräfte der die Menschen einschließenden Natur, wurden die Macht dieser Entfremdung. Und der eine Gott war die ins Unermeßliche gesteigerte Macht, die den Menschen hinderte, einfach er selbst zu sein. Die Erbsünde beging nicht Eva, als sie den Apfel aß, sondern der Mann, der sich als erster für maßgeblich erklärte, dies kraft seiner körperlichen Stärke gegenüber einer Frau durchsetzte und dafür den Beifall der anderen Männer erhielt.  

Die Natur wird in Kreisläufen erfahren: Tage und Nächte, Neumond und Vollmond, Sommer und Winter, Geburt und Tod. Diesen Kreislauf der Natur wandelte der Mann um in die Gerade "Anfang und Ende", Weltschöpfung und Weltuntergang, nie erfahrbar und nur gedacht – und darin als Spanne das eigene Leben, das einem dem Leben fremden Ziel dient, dem Sieger, dem Herren, dem Gottkönig, dem Vaterland, dem Unternehmen und als Frau dem Mann. So hatte der maßgebliche Mensch, der Mannmensch auch dann, wenn er selbst ganz unten war, wenn er anderen Männern nur gehorchen mußte und selbst keinem Mann gebot, wenigstens einen Menschen, dem er befehlen konnte – seiner Frau. "Und Gott sah, daß alles sehr gut war" befand der männliche Mythenschreiber.  

Nicht mehr durch den Menschen hindurch lebte so das Leben der Art, der Gemeinschaft, der Gruppen, der Familien, sondern der Mensch lebte seine ihm vom Schicksal oder Gott zugewiesene Zeit, diente den Zielen, die ihm vorgegeben waren – nützen muß man die Zeit, carpe diem! – und die höchsten Ziele nannte er Gebote Gottes. Nicht mehr lebte die Art durch die Individuen hindurch, jenen Wellen auf dem Meer des Lebens, aufsteigend und vergehend, sondern die Individuen lebten in der Gesellschaft, deren Ordnung nicht dem Leben entspringt, sondern dem Willen derer, die mächtig sind. Gesellschaft ist der Lebensraum, den Herrschaft strukturiert. Entfremdung – "alienatio" nannte man diese Struktur schon sehr früh, denn nicht die Verwirklichung des eigenen war der Sinn, sondern der Dienst an einem Fremden. "Fortschritt" wurde das genannt, positiv sollte es klingen, und so wurde überhört, daß es negativ bedeutete Fortschreiten von sich und dem Leben, Weggehen von sich hin auf Anderes zu, auf Fremdes, Fremdwerden von sich selbst. Von der Lust des Lebens war nicht mehr die Rede.  

Nur die Momente des menschlichen Erbstromes, wir Menschen, kennen im Augenblick der Weitergabe des Lebens, in der Zeugung und der Empfängnis, die intensive Steigerung des Lebens, die höchste Lebenslust, die das Leben in Jahrmillionen hervorgebracht hat, die Wollust, den sexuellen Rausch, den Orgasmus. Aber die Götter, die der Mann sich setzte, waren eifersüchtig auf die Lust der Menschen, denn die Lust verbindet den Menschen mit der Natur, mit sich selbst, mit dem Du. Lust ist sich selbst genug und macht die Erreichung von Zielen und die Verwirklichung von Zwecken unwichtig, belanglos. Gott und die für ihn handelnden Männer nannten deswegen die Lust böse und die Sünde war erfunden. Ausnahmen gab es einst unter den Göttinnen und Göttern, Demeter, die Göttin des Wachstums und der Fruchtbarkeit, und Dionysos, der Gott des Weines, der Ekstase und des Lebens, Kybele, die unnahbar auf den Bergen verehrte Große Mutter, oder Kali, die Göttin der Geburt und des Todes. Ist es ein Zufall, daß es meist Göttinnen sind, stammend aus der Zeit, ehe der Mann der maßgebliche Mensch wurde?  

Dreierlei geschieht seit dem abgelaufenen Jahrhundert, der Mann verliert seine Maßgeblichkeit – aber nicht seine Herrschaftspositionen –, der Fortschritt seine Faszination – aber nicht seine angebliche Unentbehrlichkeit – und Individuen leben sich selbst. Aber die Rückkehr in den Strom des Lebens, Lust in sich selbst, ist damit noch nicht erreicht. Selbstverwirklichung als der Sinn des Lebens derer, die versuchen sich selbst zu leben, ist nicht Freiheit vom Dienst am Fremden geworden, Aufhebung somit der Entfremdung, sondern ist der Versuch geblieben, Ziele nach eigener Wahl zu erreichen, selbstgewählte Zwecke zu verwirklichen. Selbstgewählte Ziele zwar – das ist der Unterschied zu früher – aber die Ziele bietet die Gesellschaft als Möglichkeiten an, Werbung ist das Mittel, mit dem sie über die Individuen herrscht, und der Fortschritt besteht dann darin, immer beliebiger wählen zu können, wählen aus den Angeboten, die die Gesellschaft bietet. Die Ablösung der Tyrannei Gottes durch die Tyrannei der Gesellschaft bestimmt noch immer, was lebenswert ist und was nicht. Die für Gott handelnden Männer haben uns gelehrt, nur in der Nachfolge des Vorbildes, nur in der Verleugnung des Selbst und der Hingabe an Anderes erlangten wir Vollendung, Glück, Erlösung. Gott ist gestorben, aber noch immer erwarten wir Vollendung, Glück, Erlösung von außen, auch wenn wir es nicht mehr so nennen. Eine echte Lewis in der Schule, die Anerkennung schenkende Clique später, das Auto, die Frau oder der Mann als Statussymbol, das richtige Haus in der richtigen Gegend, die ausgefallene Reise, das und immer neues wird uns angeboten um etwas Besonderes, um Persönlichkeit, um Selbst zu sein. Nur Askese, Freiwerden von der Tyrannei der Gesellschaft, die als Werbung Menschen vorschreiben will, welche Ziele wir haben sollen, ermöglicht Leben, das sich selbst genug ist. Lebenslust ist das einzige Ziel, das dem Leben nicht von außen auferlegt ist, sondern ihm selbst entstammt, weil Leben Lust ist, sich selbst genug. Die Gesellschaft wird jenes Leben arm nennen, aber diese Wertung verliert ihren Sinn, wenn Menschen nicht mehr in der Gesellschaft leben, dem Herrschaftsraum männlicher Ziele, sondern die Gruppe maßgeblich wird, deren Leben die Liebe ist. Und diese Gruppe kann klein sein, zwei Menschen oder drei, ein Mann, eine Frau, ein Kind, Freunde, Gefährten, viele müssen es nicht sein. Die Ehe haben die Männer erfunden als Herrschaftsmittel über die Frau und die aus ihr erzeugten Kinder. Schon Heloisa hat im Mittelalter gewußt, das einzige Band, das Menschen menschlich bindet, ist nicht die Ehe, sondern die Liebe, die Freundschaft.  

Askese der Zukunft ist nicht Abtötung des Körpers und seiner Lust, sondern die Ermöglichung seiner Freiheit und seiner Lust, die Überwindung der Trennung von Lust des Körpers und Lust der Seele, die Lösung aus der Tyrannei der Gesellschaft. Askese der Zukunft ist das Leben der Liebe als dem Band zwischen den Menschen der Gruppe, die der Einzelne sich wählt, um Mensch zu sein.  

Die Hoch-Zeit dieser Gruppe ist der Tanz, Alle Völker feierten einst das Leben im Tanz. Tanz ist Vollendung der Askese, Leben im Augenblick und sich selbst genug, Leben aus sich und vor dem Du.  

Tänzerin,

Botin aus dem Reich der Schönheit, Engel der Vollkommenheit,
deine Seele lebt deinen Körper und Schönheit ist ihre Kraft
und uns das Geschenk seiner Gegenwart. 

Tänzerin,

Schönheit ist ewig, doch uns wird sie sichtbar in der Kunst des Augenblicks,
jetzt, wenn du als Fee aus dem Märchen den Schleier durchtanzt,
der unsere Phantasie trennt vom täglichen Leben. 

Tänzerin,

unsere Sehnsucht ist die Einheit von Körper und Seele und die Teilhabe am allumfassenden Geist.
Dein Tanz, Engel der Vollkommenheit, verspricht uns die Heimkehr in das Reich der Schönheit.
Jetzt aber, Botin der Vollendung, taucht uns dein Tanz in die nüchterne Trunkenheit der reinen Freude.

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 30. Juni 2009 um 20:53 Uhr
 
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