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Zur Unentbehrlichkeit der Geschichte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Adalbert Podlech   
Dienstag, 27. Januar 2009 um 22:44 Uhr

 


Adalbert Podlech


Von der Unentbehrlichkeit der Geschichte


Im Jahre 1941 konstruierte der Ingenieur Konrad Zuse das erste Exemplar eines Computers, heute einfach "Rechner" genannt, ein Exemplar jener Maschinen, die nicht die Kraft der Menschen verstärken, also ihre körperliche Unterlegenheit in der sie umgebenden Umwelt wandeln in die Macht, jederzeit und überall nach ihrem Willen Umwelt zu verändern, sondern die erstmals geistige Fähigkeiten der Menschen zu simulieren ermöglichten, zu verstärken und wenigstens auf Teilgebieten zu übertreffen. "Das Ende der Neuzeit" war gekommen, wie Romano Guardini im Jahre 1950 titelte, die Postmoderne begann deutlich zu werden.

Im Jahre 1943 veröffentlichte Hermann Hesse seinen letzten großen Roman, "Das Glasperlenspiel". Hermann Hesse spricht nicht von der Technik. Der Orden der Kastalier aber hütet das Geheimnis in der Fähigkeit, alle religiös-geistig-kulturellen Inhalte der Menschheitsgeschichte speichernd gegenwärtig zu halten und durch ihre Verknüpfungen neue religiös-geistig-kulturelle Inhalte zu schaffen. Hermann Hesse nahm vorweg, was Rechner könnten, wenn Menschen wollten, daß sie es können. Er wußte, daß ein solcher Umgang mit dem Erbe der Menschheit, das Hervorbringen von Neuem aus Vergangenem, Disziplin des Denkens und Entfaltung der Kreativität im Menschen voraussetzt, daß das Hervorbringen Regeln braucht und Spontaneität, daß es Arbeit kostet, die auch vergeblich sein kann, denn das Neue ist nicht erzwingbar, und daß das Hervorbringen in Feier und Freude geschehen darf, denn das Neue ist Erweiterung des Lebens, Schöpfung, Geschenk.

Hesses Werk ist Utopie geblieben. Rechner sind nicht die in einer Liturgie zu feiernden Durchgänge der geistigen Geschichte der Menschheit aus der Vergangenheit in die Zukunft geworden, und wo sie doch Ähnliches leisten, wie etwa in der graphischen Datenverarbeitung der Werbewirtschaft oder in den Video-Clips des Fernsehens, entstehen verwehende Gestaltungen des Augenblicks, Vergnügen ohne Sinn, Kreationen, die niemandem als Erbe hinterlassen werden können, die niemand als Erbe will.

Wir gehen mit den Rechnern um wie mit dem Pulver. Anstatt das Pulver wie die es erfindenden Chinesen den Götterahnen zu Ehren als Feuerwerk in Schönheit am Himmel zu verbrennen, sprengen wir damit Menschen und Kathedralen in die Luft. Unsere Gegenwart verbraucht mehr Kultur der Vergangenheit, als sie für die Zukunft als Erbe schafft.

Aber Hermann Hesses Utopie des gegenwärtig verfügbaren Erbes der Vergangenheit ist anders Wirklichkeit geworden, als er es sich dachte. Die heute im Rückzugsgefecht gegen die aus den Rechnern erwachsenen elektronischen Medien stehenden Druck-Medien haben es möglich gemacht. Fast alle wichtigen Texte der Vergangenheit sind wissenschaftlich ediert, oder es sind noch Tausende Wissenschaftler rund um die Erde damit beschäftigt, sie zu edieren. Den Mitgliedern der Gelehrtenrepublik, wie Friedrich Gottlieb Klopstock im Jahre 1744 sie beschrieb, steht fast jeder Text zur Verfügung. Die meisten Texte sind auch übersetzt und häufig in preiswerten Taschenbuch-Ausgaben jedermann und jederfrau zugänglich. Jede Religion der Erde in Vergangenheit und Gegenwart ist beschrieben, ausgelegt, anzueignen. Die Esoterik-Buchläden sind dabei, in den Städten zu den größten Buchhandlungen zu werden. Fast alle Kunstwerke der Erde, ob Architektur, Plastik oder Gemälde, ob an Höhlenwänden, auf Pergament oder auf Leinwand gemalt, sind in prachtvollen Bildbänden zugänglich, zugänglicher, als wenn frau oder man nach langer Reise das Original betrachten würde. Und was von der verwehenden Kunst der Musik aus früheren Zeiten auf uns gekommen ist, kann auf Platten, Bändern oder Compact Disks in die eigene Wohnung geholt werden. Tänze von Eingeborenen, der Derwische oder des modernen Balletts, Aufführungen von Theatern, Opern oder Musicals, Spiele der Pantomimen, das Video macht sie zugänglich. Innerhalb einer Generation haben wir uns das geistige Erbe der Menschheit verfügbar gemacht.

Hermann Hesse hat beschrieben, wie die Angehörigen eines elitären Ordens dieses Erbe hegen und vermehren und daß die Voraussetzungen dieser Hege und Kreativität die Askese der Form und die Disziplin der Lebensgestaltung sind. Geistiges entsteht aus Geistigem nicht durch Beliebigkeit der Kombination, sondern durch Gestaltung. Die Kombination der Gehalte des Menschheitserbes aber hat begonnen, noch mit dem Anspruch wissenschaftlicher Überprüfbarkeit schon früh durch Oswald Spengler und Arnold Toynbee und heute in einer unüberschaubar werdenden Literatur. Tandrische Texte aus dem Indien des 5. Jahrhunderts werden mit psychoanalytischen Texten der Gegenwart verknüpft, Schamanen-Riten mit Ergebnissen der heutigen Medizin, Wiedergeburtslehren mit solchen der modernen Astrophysik und wie natürlich geistige Gehalte zwischen den Kulturen und über Jahrhunderte und gar Jahrtausende hinweg. So können Einsichten gewonnen werden, so können Menschen um Geld und Entfaltungsmöglichkeiten gebracht werden.

Es geht nicht an, die so entstehenden Texte und in ihnen enthaltenen neuen Gehalte einfach nach Wahr und Falsch oder auch nur nach Fruchtbar oder Interessant und Unsinn oder Scharlatanerie einzuteilen. Aber ich wage eine Hypothese: Je weniger ein Text, ein Kunstwerk, ein Ritus, eine Lebensregel aus ihrem geschichtlichen, das heißt räumlich-zeitlich-sozialen Ort verstanden wird, um so unsinniger, ja mitunter gefährlich wird das Ergebnis einer Verknüpfung mit anderen Texten, Kunstwerken, Riten oder Lebensregeln. Derselbe Text als Zeichenreihe, als hingeschriebener oder gedruckter Text sagt semantisch, in seiner Bedeutung, etwas anderes, wenn seine Entstehung in den Jahrhunderten oder Kulturen variiert. Texte lesen, Kunstwerke betrachten, Riten leben, Lebensregeln wirklich oder in der Vorstellung befolgen geschieht immer in der Gegenwart des aneignenden Subjekts. Das Überkommene der Vergangenheit ist auf die Folie der Gegenwart projiziert, kann dort mit anderem Vergangenem und dem Gegenwärtigen verknüpft werden, Gegenwart mit Gegenwart. Die Möglichkeiten dieses Spiels sind unendlich, seine Ergebnisse beliebig. Damit aber ist das Vergangene entglitten, hat seine Hülle zurückgelassen, ist die Bedeutung, das von Menschen Geprägte und sie Prägende verschwunden, ist dem Menschen der Gegenwart die Chance genommen, aus der Vergangenheit eigene Zukunft zu gestalten. Nur die Wahrnehmung des Vergangenen als Geschichtliches erhält es als zu erfahrend Überkommenes. Bewußtsein der Geschichtlichkeit beim Blick auf das Überkommene der Vergangenheit ist wie die Handhabung der Tiefenschärfe des Fernrohrs oder Fotoapparats. Das aus der Vergangenheit Überkommene und nicht nur seine gegenwärtige Chiffre wird erst wahrgenommen, erfahren, angeeignet, wenn der scharf gestellte Blick durch die Geschichte es trifft. Nicht die elitäre Hegung des Überkommenen in einem asketischen Orden, aristokratischer Lebensweise entsprechend, ist unentbehrlich für die fortentwickelnde, kreative Aneignung des Überkommenen, sondern der geschichtliche Umgang mit ihm, demokratischer Einstellung entsprechend, das heißt, jederfrau und jedermann möglich, abgestuft nach persönlichem Interesse, aufwendbarer Zeit und individueller Fähigkeit. Denn alles, was erforderlich ist, um den fokussierenden Blick auf das Überkommene zu ermöglichen, Vergangenheit in der Gegenwart in die Zukunft zu wenden, steht in der Gegenwart zur Verfügung.

Die reine Zukunft ist leer. Ohne die Vergangenheit haben wir kein Bild von ihr.


aus: Kontrapunkte. Zum 60. Geburtstag von Fritz Deppert, Darmstadt 1982

 
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