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Besprechung: Abealard und Heloisa PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Freitag, 13. Februar 2009 um 11:39 Uhr

Besprechung "Abaelard und Heloisa oder Die Theologie der Liebe"


Hanna Vollrath in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 11.12.1990:


Der erste Intellektuelle
Adalbert Podlech über Abaelard und Heloisa

Nach traditionellem Geschichtsverständnis endet das Mittelalter um 1500, beginnt mit der Reformation und der Entdeckung Amerikas die Neuzeit. In der neueren wissenschaftlichen Diskussion wird dagegen zunehmend in der Zeit um 1100 ein grundlegender Wandel in vielen Lebensbereichen gesehen. Der Welt, die im 12. Jahrhundert entstand, schreibt man Bestand bis zum 18. Jahrhundert zu. Der Beginn dieses „alteuropäischen Zeitalters“ wird mit der Bezeichnung „Renaissance des 12. Jahrhunderts“ gefaßt, zu der auch die „Wiederentdeckung des Menschen“ gehört.
Und in der Tat sind die Menschen der Jahrhunderte davor nicht als Persönlichkeiten faßbar, über ihre Motive, ihr subjektives Empfinden in Freud und Leid wissen die Quellen nichts zu sagen. Mit dem 12. Jahrhundert wird das anders. Jetzt schreibt man über individuelle Gefühle, erkennt man, daß Menschen ein Innenleben habe, das dem äußeren Beobachter verborgen is, so daß das äußere Erscheinungsbild und die inneren Gefühle und Gedanken nicht übereinzustimmen brauchen. Das Auseinanderklaffen von Sein und Schein wird als Problem erkannt und reflektiert.
Es setzt ein Prozeß der Bewußtwerdung des eigenen Ichs ein, in dessen Erforschung Petrus Abaelardus (1079–1142) seit langem eine zentrale Stellung einnimmt. An seiner Autobiographie, seiner Ethik und auch an seinen theologischen Schriften läßt sich dieser Bewußtseinsprozeß deutlich ablesen. Man hat ihn daher den „ersten modernen Menschen“ genannt. Dazu kommt die Liebesbeziehung zu seiner jungen Schülerin Héloisa mit ihren dramatischen Folgen: die Geburt eines Sohnes, danach die vom Onkel Héloisas erzwungene heimliche Eheschließun, die Kastration Abaelards als Racheakt des Onkels und schließlich der (getrennte) Eintritt beider ins Kloster.
Abaelard und Heloisa zählen zu den großen Liebespaaren der Weltgeschichte, ihr Grab auf dem Père Lachaise in Paris hat die Gestalt eines antiken Tempels und ist mit frischen Blumen geschmückt, Zeichen eines Jahrhunderte überdauernden Mitgefühls. Dieses Mitgefühl wird nicht zuletzt durch den Briefwechsel der Liebenden lebendig gehalten, der eine nach außen sorgfältig verborgene Leidenschaftlichkeit der Gefühle, Ängste und Verzweiflungen offenbart.
Kein Wunder als, daß Abaelard und Heloisa schon häufiger Biographen gefunden haben. Und doch gelingt Adalbert Podlech etwas ganz Neues, ein Buch, das in schönster Einheit gestalte, was bislang weitgehend getrennt behandelt wurde. Das betrifft vor allem Abaelard selbst: da gab es einmal die körperlose Vernunft mit Namen Abaelard, um dessen Werke sich Philosophen und Theologen in immer neuen Interpretationen mühen; der zweite Abaelard, der gestrafte Geliebte, liefert in seinem stürmischen Lebenslauf Stoff für biographische Darstellungen.
Für Podlech gehört beides untrennbar zusammen, und zwar deshalb, weil er die Entdeckung Abaelards von der Geschichtlichkeit theologischen und philosophischen Fragens und Erkennens nicht nur referiert, sondern ernst nimmt und zur Grundlage seiner Darstellung macht. So wie Abaelard die Aussagen der Kirchenväter nicht mehr als überzeitlich-unbedingte Wahrheiten gelten lassen, sondern von ihrer jeweiligen geschichtlichen Situation her verständlich machen wollte, so führt Podlech immer wieder vor Augen, wie die allgemein geistige Situation des 12. Jahrhunderts und auch individuell die unterschiedlichen Lebenssituationen und insbesondere die Liebe zu Héloisa Abaelards Fragen und Denken mitgeformt habe.
Das ist überaus kenntnisreich, mit viel Sachverstand und wissenschaftlicher Akribie gemacht, bis hin zu einem den Text kontinuierlich begleitenden Kommentar mit Hinweisen auf Quellen und wissenschaftliche Literatur. Und doch ist alles andere als ein trockenes Fachbuch entstanden. Podlech ist etwas gelungen, was oft erstrebt und ganz selten erreicht wird: ein wissenschaftlich ernst zu nehmender Beitrag in einer großen Diskussion, den auch Nichtwissenschaftler mit Gewinn, Anteilnahme, Nachdenklichkeit und nicht zuletzt mit Vergnügen lesen werden.
Es geht um die Einheit von Liebe und Lust, Gefühl und Sinnlichkeit, „die Erfahrung der Menschen von Anfang an“. Podlech präsentiert Abaelard und Héloisa als Menschen einer glücklichen Zwischenzeit befreiender Selbstbestimmung, in der die leibfeindliche kirchliche Sexualmoral noch nicht verbindlich ausformuliert, die Zwangsgewalt der Kirche als Sanktionsinstanz noch nicht voll etabliert war. Abaelards und Héloisas Schicksal, ihre Reflexionen und Ansichten erscheinen als Stationen auf einem Weg, den wir heute noch gehen, gelebt und zur Sprache gebracht in einem Dialog zwischen einem genialen Theoretiker und seiner ihm ebenbürtigen Partnerin. „Tua res agitur“ – Das betrifft dich. Diesen Satz hatte Abaelard dem gleichsam unbeteiligten Gilbert bei seinem Ketzerprozeß zugerufen, und mit diesem Satz läßt sich Podlechs Biographie überschreiben.
Für Podlech ist der leidenschaftliche Dialog zwischen Abaelard und Heloisa nicht abgeschlossen, vergangen. Er ist vielmehr Beispiel, so, wie man im vorwissenschaftlichen Geschichtsverständnis Beispiele, Exempla verstand: als Geschichten, die man erzählte und immer wieder erzählte, weil sie am Einzelfall menschliche Grundsituationen erfaßten und daher unabhängig von ihren besonderen ereignisgeschichtlichen Zusammenhängen galten.
Von diesem Ansatz her wird auch die „Authentizitätsdebatte“ nebensächlich, die Debatte nämlich, ob die Briefe tatsächlich von Abaelard und Héloisa allein, ob von einem Schüler und Zeitgenossen oder gar von einem ers im 13. Jahrhundert Lebenden geschrieben wurden. Daß der oder die Verfasser umfassende Kenntnisse der philosophischen und theologischen Arbeeiten Abaelards bis hin zur Verwendung von Stileigentümlichkeiten hatten, ist dabei unbestritten. Die Debatte wird seit Jahrzehnten mit Inbrunst geführt und hat in allerjüngster Zeit eine geradezu absurde Blüte getrieben.
Ein angesehener Gelehrter glaubt Autobiographie und Briefwechsel dadurch als Fälschung erweisen zu können, daß er ein Fälschungsmotiv präsentiert: Beides sei in Zusammenhang mit der kirchenrechtlichen Festschreibung des Klerikerzölibats im 13. Jahrhundert entstanden. Die Gegner des Zölibats hätten sich der Autorität des Namens Abaelards bedienen wollen, um ihrer Ansicht Gewicht zu geben. Ein um seiner Liebe willen kastrierter Kleriker sollte also – folgt man dieser These – nicht etwa als abschreckendes Beispiel, sondern als Verteidiger der Liebe und Ehe von Klerikern aufgebaut werden. Welch ein Sieg der der Wissenshaft über den gesunden Menschenverstand!
Podlech hat diese Debatte, mit der er sichtlich vertraut ist, kurz abgetan. Er kann es tun, weil seine historische Wahrheit nicht von der unumstößlichen chronologischen Einordnung abhängt. Geschichten in der Geschichte leben aus der Aktualität des Interesses, die exakte wissenschaftliche Erforschung steht in ihrem Dienst. Beidem ist Podlech auf faszinierende Weise gerecht geworden.


Adalbert Podlech: „Abaelard und Heloisa oder Die Theologie der Liebe“. Piper Verlag. München 1990, 503 S., geb. 58,- DM.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 19. Februar 2009 um 13:26 Uhr
 
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