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Geschrieben von: Adalbert Podlech   
Dienstag, 27. Januar 2009 um 01:00 Uhr

Die leidenschaftliche Liebe
l’amour passion

Notizen zu einem nicht geschrieben Essay zu Stendhal,
für L. gesammelt im Winter 1996/97

f


Nicht was Liebe ist, ist die Frage – diese Frage ist nicht zu beantworten. Die Frage soll sein, was finde ich, Dich liebend, Du meine Geliebte, in mich blickend. Nicht Ontologie, Wesen erforschend, sondern Phänomenologie, Beschreibung des Erfahrenen.


I

Ein erstes: Die Liebe dringt in alles ein, was ich lebe, was ich bin, und sie macht alles Neu.

Ich will Dich sehen, jetzt, sofort, immer.
Ich will, was immer ich tue, mit Dir tun, will, was ich erlebe, mit Dir erleben.
Ich will, wenn ich Neues erfahre, es Dir sagen.
Wenn ich mich freue, will ich die Freude mit Dir teilen, wenn ich Kummer habe, sollst Du mich trösten.
Es gibt nichts Wichtigeres als Dich.

Ich bin in der Weise, Dich zu lieben, und weil es meine Weise ist zu sein, erfahre ich die Liebe zu Dir als selbstsüchtig. Ich liebe Dich und will Dich lieben und damit will ich Dich. Mein Selbst will Dich, Selbstsucht.

Aber dann: Weil ich Dich liebe, will ich Dich glücklich. Der Ausgang der Liebe von der Selbstsucht der Liebe ist, daß ich will, daß Du durch mich glücklich bist. Ich will Dich glücklich machen. Ich will Dein Glück sein.

Aber hier beginnt der Widerspruch der Liebe. Da ich Dich glücklich will, die Erfüllung dieser Sehnsucht mein Glück ist, muß ich auch dann glücklich sein, wenn Du glücklich durch anderes, ja durch Andere bist. Das ist kein Syllogismus, wie er so hingeschrieben scheint, es ist der Widerspruch der Liebe, gefühlt, gefühlt als Schmerz und als Freude im Schmerz. Ein Ambivalenzgefühl wird das genannt. Du glückliche Frau am See, die aufgeht in der Freude ihrer Arbeit, lebt im Kreis freundlicher Menschen, und nicht ich bin der Grund dieser Freude, aber ich freue mich in Deiner Freude.

Und schließlich: L., Du bist schön. Mein erstes Glück war, Dich sehen zu können. Was ist Schönheit? Ich weiß es nicht. Wann ist Schönheit? Wenn allein schon das Sehenkönnen Grund des Glücks ist.

L., Dein Körper ist schön. Und so ist mein nächstes Glück, ihn spüren zu dürfen. Der Kuß ist der Beginn dieses Glücks, die Wollust seine Vollendung.

Aber das Glück der Liebe liegt darin, daß es nicht die Schönheit irgendeiner Frau ist, die glücklich macht, sondern darin, daß Du schön bist. Anima forma corporis. Formitas splendor animae. Die Seele ist die Form des Körpers. Die Schönheit ist der Glanz der Seele. Dieses Band zwischen der Person, der Seele, und dem Körper, der Sinnlichkeit, ist die Erotik, die Ausstrahlung Deines Selbst als sinnlich wahrnehmbar. Du unvergleichliche Frau!


II

Wie erlebe ich Liebe? Liebe erfahre ich als Gefühl in der Erfahrung, daß sie umfassender ist als ein Gefühl. Und das muß so sein, wenn die Liebe die allumfassende Weise ist, zu sein, Selbst zu sein und Mit zu sein, zu sein als Seele, Körper und Geist, Ich und Du, vollkommen.

Wie erlebe ich die Liebe zu Dir?


Ich erlebe die Liebe mit meiner Seele, als Gefühl, Liebe als Fühlen. Die Vollendung des Fühlens ist die Wonne.

Gefühle der Wonne:

Angenommen sein, Geborgensein, schenken zu dürfen in der Sicherheit, das Geschenk wird angenommen, beschenkt werden in der Sicherheit, keine Rechnung präsentiert zu bekommen, sich ganz öffnen können, seelisch und körperlich nackt sein können ohne Scham.

Gefühle des intensiven Lebens:

Neue Möglichkeiten leben, wachsen, das eigene Selbst überschreiten. Wir haben uns eröffnet, wie ich nie glaubte, einem Menschen offen sein zu können. Mein Vertrauen zu Dir, mich Dir öffnen zu können, ist grenzenlos, seitdem wir uns Intimstes sagten. Meine Seele wächst in die Offenheit, die unsere Liebe ermöglicht. Und siehe alles machst Du neu.

Gefühle der Sehnsucht:

Eins-Sein ist selten. Sehnsucht ist der Bogen zwischen meinem Hier und Deinem Dort, zwischen unserem Jetzt und unserem Dann, zwischen dem Selbst und dem Du, das Verlangen, eins zu sein.

Gefühle des Stolzes:

Die junge, schöne, sinnliche, gefühlvolle, kluge L. liebt mich, liebt A.


Ich erlebe die Liebe mit meinem Körper, als Empfindung, Liebe als Sinnlichkeit. Die Vollendung der Sinnlichkeit ist die Lust.

Die Lust der Liebe blüht in der Zärtlichkeit, die wir uns durch unsere Körper schenken.

Unsere Körper erleben wir durch unsere Sinne. Ich erlebe Sinnlichkeit, indem ich das Erregende Deines Fleisches spüre, den Geschmack Deiner Haut schmecke, den Duft Deines Haares und Deines Geschlechts rieche, den Klang Deiner Stimme höre, „Hier ist L.!“, das Gurren, das Stöhnen und den Schrei Deiner Lust.

Du L., bist die erste Frau, die mich „sinnlicher Mann“ genannt hat.


Ich erlebe die Liebe als Erleben des Geistes. Warum gibt es kein Wort für das gemeinte Erleben des Geistes wie „Gefühl“ für die Seele und „Empfinden“ für den Körper? Leben zu wenige Menschen Liebe auch im Geist?

Was erleben wir im Erleben des Geistes?

Übereinstimmen in den grundlegenden Wertungen,
sich ergänzen in der Weise, die Welt zu erfahren, zu erkennen, zu beschreiben,
die Freude, Erkanntes zu teilen, mitzuteilen,
die Phantasie, immer Neues zu denken, zu planen, zu trachten, zu verwirklichen.


Die Tiefe meiner Liebe zu Dir, L., gründet in dem einmaligen Erlebnis, mit Körper, Seele und Geist lieben zu können, mit meinem ganzen Selbst und Du mir Antwort bist auf alles, was ich im Leben suchte. Du bist mir L., die Unvergleichliche.


III

Liebe ist nie ohne Leiden, ohne Schmerzen. Was schafft Leiden in der Liebe? Dreierlei: Getrenntsein, Eifersucht, Angst vor dem Ende.


Das Leiden am Getrenntsein ist glückliches Leiden, denn in der Sehnsucht wird das Einssein gegenwärtig. In der Sicherheit der Liebe ist die Trennung nur ein Wechsel der Form unseres Miteinanders.


Die Eifersucht ist der Stachel der Liebe. Ich war zweimal in meinem Leben eifersüchtig. Eifersucht brach in mir auf, wenn ich mich mißbraucht fühlte, die Frau, die ich liebte, mich brauchte und ich mich gebrauchen ließ, sie aber ihre Lust bei einem Anderen suchte.

Schon in der ersten Nacht, die auf das Sichzeigen unserer Gefühle folgte, ich habe den Abend den „Abend des Mutes und der Öffnung“ genannt, verbot ich mir die Eifersucht, denn Eifersucht in der Liebe zu Dir, Du wunderschöne, junge, sinnliche Frau, die nicht zu wollen es nur wenige Männer geben dürfte, wäre die Hölle, und die Hölle ist in der Liebe oft mit dem Paradies identisch. Und so versuchte ich zu leben, was seit langem meine Einstellung war,

Dazu den Text von D. Duhm, Der unerlöste Eros, hinten im Anhang.

mich über jede Freude, die Du haben wirst, zu freuen.

Was aber will ich Dir sein, wenn nicht der Einzige Deiner Gefühle, Empfindungen, Gefährtenschaft auf dem Meer des Denkens? Leidenschaftliche Liebe, l’amour passion, will Ausschließlichkeit, L. einmalig für A., A. einmalig für L., worin besteht die Einmaligkeit?

Ich weiß es nicht. Sie besteht nicht darin, daß nur wir uns zärtlich sind. Wie ich noch Freude daran haben kann, eine andere Frau einfach in den Arm zu nehmen, sie zu spüren, sie zu küssen, und ich weiß, daß das nichts mit meiner Liebe zu Dir, meiner einzigen Liebe, zu tun hat, die überwältigend und allumfassend ist, so würde es mich vielleicht oder sehr wahrscheinlich schmerzen, von Dir solches zu erfahren, aber ich bin sicher, daß ich den Schmerz aufgehen lassen werde in der Freude darüber, daß es Dir Freude bereitet hat, schmerzvolle Freude in mir oder glücklicher Schmerz, der unvermeidbare Widerspruch der Liebe, wenn sie tief genug und allumfassend ist. Ja, und daß es weitere Gefährten auf dem Meer des Denkens gibt, kann das unsere Liebe stören? Nein, höchstens daß Du Zeit für sie hast, wenn Du sie für mich nicht hast, kann mir Grund von Schmerzen sein, aber diese Schmerzen kann ich aufgehen lassen in der Sehnsucht nach dem nächsten Gespräch mit Dir oder vielleicht auch nur einem Brief.

Ich erfahre uns in unserer Liebe einzig, unverwechselbar in unserer Beziehung. Aber wo ist das Verlangen nach Ausschließlichkeit angesiedelt? Wir sind ein Liebespaar und das heißt, es gibt ein Innen, in dem wir für uns unverwechselbar, einzig sind, und ein Außen, zu dem wir gemeinsam oder jeder für sich Beziehungen haben.

Was ist das Innen? Ich kann es nicht abschließend, umfassend sagen außer mit Deinen Worten, L. liebt A., A. liebt L., aber als Kennzeichnung unserer Liebesbeziehung ist das eine Tautologie. So kann ich nur einzelnes angeben, Indizien ähnlich:

Daß Du mir wie keinem sonst vertraust, daß ich Dir Gutes will.
Daß ich die Kraft habe wie wenige, daß ich dies auch kann.
Daß Du mir wie keinem sonst anvertraust, was Dir wichtig ist. Und dies heißt natürlich nicht, daß Du keine anderen Freunde haben sollst, denen Du Dich anvertraust. Du hast An., ich habe U. Aber ich ertrüge es nur schwer oder gar nicht, daß Du unser Verhältnis in dem Vertrauen zu anderen spiegelst und ich Gegenstand werde, über den andere durch Dich wissen, und ich das alles nicht weiß.
Daß Du, wenn Du überhaupt Zukunft planst und mit jemandem darüber sprechen willst, Du nicht an mir vorbei planst.
Und das Wichtigste, das wir uns nie belügen. Wahrhaftigkeit einer geliebten Frau war mir in meinem Leben immer wichtiger als sexuelle Treue. Ich habe sehr darunter gelitten, selbst nicht immer wahrhaftig gewesen zu sein. Ich habe mir fest vorgenommen, in einer Liebesbeziehung nie mehr unwahrhaftig zu sein, und ich versichere Dir, daß ich diesen Vorsatz in meinen beiden letzten Beziehungen gehalten habe. Ich werde Dich nie belügen und ich bin sicher, auch Du wirst dies nie tun.


Die Angst vor dem Ende. Die Urangst der Liebe ist die Angst davor, daß sie vergeht.

Alles ist versicherbar, nur Gefühle sind es nicht. Liebe ist nicht nur Gefühl, aber Gefühle sind ihr Kern, die Kernschmelze, der ihre Energie entstammt, die Sonne ihres Universums.

Grund der Urangst ist, die Liebe ist unverstehbar, unverfügbar für den Liebenden oder die Liebende, unverfügbar für die Geliebte oder den Geliebten und schon gar nicht verfügbar für Dritte. Die Liebe ist das Wunder.

Wenn ich ein Gegenüber

beschenke, freut er sich,
ihm Gutes tue, ist er dankbar,
ihn enttäusche, ist er traurig oder ärgerlich,
ihn verletzte, hat er Schmerzen.

Vielleicht ist er auch über irgend etwas, wenn es wichtig genug ist, glücklich oder wütend. All das ist verstehbar.

Aber warum liebt mich ein Mensch, warum liebst Du mich? Liebe ist grundlos und deswegen erleben wir Menschen sie als Wunder, das Ereignis außerhalb der Gesetze der Kausalität. Aber Wunder sind unverfügbar. Liebe ist unverdient. Wir sind der Bedingungen ihrer Existenz nicht mächtig. Und die Erfahrung dieser Ohnmacht ist die Angst.

Selbst wenn das Gefühl der Liebe in einem der sich Liebenden zu entschwinden beginnt, in diesem Partner also der Grund der Angst vor dem Ende der Liebe des anderen Partner sich eigentlich auflöst, kann die Entdeckung dieses Entschwindens Angst sein, Angst vor dem Sich-Selbst-nicht-sicher-Sein. Die Liebe zeigt, daß Leben nur Gegenwart ist, Vergangenheit nicht mehr sein, Zukunft noch nicht sein, beides das Nichts gegenüber der Fülle der Gegenwart, in der Liebe allein sicher ist.

Je umfassender, tiefer, beglückender die Liebe ist, um so tiefer ist die Angst. Da die Liebe die umfassendste Weise ist zu sein, ist es die Angst, im Anderen uns selbst zu verlieren. Die Angst hat mit dem Nichts zu tun.

Nur die Gegenwart vermag diese Angst aufzusaugen. Liebe im Jetzt saugt sie auf, wie die Sonne den Nebel, füllt den Raum des Lebens wie das Licht das Dunkel, triumphiert wie das Sein über das Nichts. Wirklich ist nur das Jetzt, Liebe ist nur, wenn wir uns lieben, L., Du Unvergleichliche!

 

 

Ein anderer Begriff der Treue


Aus: Dieter Duhm, Der unerlöste Eros,
Verlag Meiga, 2. Aufl. Radolfszell 1991, S. 181

Ich habe über den viel zu engen alten Begriff der Treue schon manches gesagt in diesem Buch. Aber die Frage der Treue muß noch einmal kurz und ganz intensiv für sich betrachtet werden. Es gibt keinen größeren Wahnsinn als den alten Begriff der Treue. Er steht, wie frühere Abschnitte des Buches schon gezeigt haben, in diametralem Gegensatz zur Liebe. Die Befreiung des Eros kann nur gelingen, wenn diese alte Vorstellung von Treue, welche auf der sexuellen Ausschließung Dritter basiert, restlos überwunden ist. Treue hat nichts zu tun mit einem Verbot. Sie hat auch nichts zu tun mit einem Schwur und auch nichts mit einem Vertrag. Treue ist ein reales Liebesverhältnis zu einem Menschen. Ich bin ihm treu, weil ich ihn liebe. Ich kann diese Liebe nicht an die Bedingung knüpfen, daß er mit keinem anderen ins Bett geht. Wenn mein Partner ein attraktiver Mensch ist, dann werden auch andere ihn haben wollen und auch manchmal er die anderen. Es geht ihm genau gleich wie mir. Sollen wir unsere Treue wirklich dadurch zeigen, daß wir dem anderen zuliebe auf solche Freuden verzichten? Was ist das für ein selbstverstümmelter, himmelschreiender Gedanke! Treue ist Liebe, und Liebe ist nicht Verzicht. Wenn unsere Treue daran zerbricht, daß wir auch andere sexuelle Kontakte haben, dann war sie wohl auf Sand gebaut. Was für ein unendlich kleines Denken hat diesen alten Begriff der Treue hervorgebracht – und wie eng müssen Liebespartner voneinander denken, um sich gegenseitig diese Bürde aufzuerlegen! Zeige mir, daß du mich liebst, indem du mir hoch und heilig versprichst, auf das zu verzichten, was dir am liebsten wäre, nämlich auf alle anderen sexuellen Kontakte! Man halte sich das vors geistige Auge. Es ist wirklich kein Wunder, daß wir unter diesen Bedingungen bis heute keine erotische und keine liebevolle Zivilisation hervorgebracht haben.

Was ist Treue denn wirklich? Treue ist das Dasein für die Menschen, die man liebt. Treue ist gelebte Freundschaft und konkrete Solidarität. Treue hat zu tun mit Vertrauen. Man vertraut zueinander, weil man weiß, daß der andere einen nicht belügt. Man kann nicht durch falsche Gerüchte gegeneinander aufgewiegelt werden, weil man weiß, was der andere tut und was er nicht tut. Treue setzt voraus, daß man sich kennen gelernt hat. Wenn man sich kennen gelernt hat und sich immer noch liebt, dann ist man treu zueinander. Man läßt sich in der Treue auch nicht beirren durch eklatante Fehltritte des anderen, denn man weiß, daß er auch dafür seine Gründe (wenn vielleicht auch falsche) gehabt haben muß. Man kritisiert sich, aber man ist herzlich gern bereit zur Vergebung, wenn der Irrtum eingesehen wird. Man hat kein juristisches Verhältnis zueinander und steht sehr fern von den Gefühlen der Rache. Es gibt nichts Nachtragendes in so einer Beziehung. Treue entsteht im Laufe einer gemeinsamen Entwicklung, oft über lange Zeit, nicht gleich am Anfang. Treue ist ein Gefühl der Liebe und der absoluten Verbundenheit, sie ist aber auch ein aktiver Willensvorgang und ein aktives Ja zum Partner: Mit diesem Menschen will ich ein gemeinsames Leben führen. Ich will ihn nicht belügen, ich will ihn unterstützen und seiner eigenen Entwicklung dienen, so gut ich kann. Ich will täglich neu meine Nachlässigkeiten ihm gegenüber erkennen und überwinden, will mit ihm ein sexuelles Leben führen, das nicht der Alltäglichkeit anheimfällt. Ich will dafür sorgen, daß genügend Spannung und gelegentlicher Abstand in unserer Beziehung bleibt, um uns immer wieder von neuem begegnen zu können. Ich möchte die wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben mit ihm zusammen treffen, und ich bin im Grunde meiner Seele davon überzeugt, daß wir nie auseinander gehen.

So etwa spricht die Stimme der Treue, wenn sie aus freier Liebe spricht. So hätten unsere Eltern, Großeltern auch gerne voneinander gesprochen. Aber sie konnten es nicht, weil sie durch ihre sexuelle Ausschließlichkeit an der Liebe gehindert waren. Wenn einige von ihnen doch halbwegs glücklich miteinander alt geworden sind, dann nicht wegen, sondern trotz ihres verkehrten Treuegelöbnisses. Die Treue, wie sie oben beschrieben ist, entwickelt sich meistens zwischen zwei Menschen, Mann und Frau, aber sie läßt sich niemals auf diese beiden Menschen beschränken, und sie verlangt es auch nicht. Sie enthält in sich ein Liebesmodell für alle Menschen, die man wirklich liebt. Sie hat in sich das Ziel und die Kraft, mit allen Menschen in einen ähnlichen Kontakt zu treten. Die Liebe zwischen mir und meiner Lebensgefährtin ist für mich seit langem ein Modell für alle anderen Beziehungen, die mir wichtig sind. Der alte Treue-Schwur, in dem sich zwei Menschen ihr Leben lang sexuell nur aufeinander beziehen wollten, ist ein elementarer Verstoß gegen eines der größten und sinnvollsten Gesetze der Liebe: daß sie sich von ihrem Brennpunkt her in alle Richtungen ausbreiten möchte.

Treue im alten Sinn kann am Anfang einer Beziehung vielleicht eine Weile sinnvoll sein, um die Beziehung nach außen zu schützen und im Inneren zu befestigen. Aber dann, wenn sie fest genug ist, muß der Zaun beseitigt werden. Man kann auf die Dauer nur treu sein, wenn man auch andere lieben darf. In dieser Erkenntnis liegt die weiche Revolution der erkennenden Liebe.

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 30. Juni 2009 um 21:31 Uhr
 
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