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Geschrieben von: Adalbert Podlech   
Dienstag, 30. Juni 2009 um 22:02 Uhr

 


Adalbert Podlech


Organisationsformen gesellschaftlicher Wahrheitssuche.
Hohe Schulen im arabischen und lateinischen Mittelalter

 

1. Das islamische Schul- und Hochschulwesen der frühen Zeit


Der Islam ist eines der faszinierenden Phänomene der Geschichte. In einem – soweit wir das wissen – fast kulturlosen, religiös – im Sinne der Religionen der Hochkulturen – desinteressierten Beduinen-Volk am Rande der damaligen Welt-geschichte entsteht durch die Botschaft, die Mohammed als Gesandter Gottes empfängt, Rasul Allh, der jüngste Zweig der monotheistischen Religionsfamilie. In hundert Jahren, in der Zeit von 632 bis 750, entsteht ein Weltreich von der Atlantischen Küste bis zum Indus und von Ägypten bis zum Aralsee, und innerhalb von zweihundert Jahren ein städtisch geprägter neuer Kulturkreis, der die Trägerin des griechischen Erbes, Byzanz, überflügelte und für Jahrhunderte die entwickelteste Zivilisation der Menschheit wurde. Das Arabische wurde Lingua franca nicht nur der Gebildeten, wie das Lateinische in Europa, sondern die einende Sprache dieses Riesenreiches. Nur der Iran widerstand der voll-ständigen Arabisierung. Als Europa politisch und kulturell unter Karl dem Großen (768 – 814) seine Einheit und kulturelle Eigenart erst zu finden begann, erreichte das abbasidische Kalifat unter dem Kalifen HrÙn ar-Rašd bereits den Beginn seiner kulturellen Blüte. Eine Zeit intensiver Übersetzung in das Arabische begann. Übersetzt wurde aus dem Sanskrit, dem Persischen, dem Syrischen und besonders aus dem Griechischen. Übersetzt wurden mathematische, medizini-sche, astronomische, astrologische und philosophische Schriften. HrÙns Sohn, der Kalif al-Ma’mÙn (813 – 833) gründete im Jahr 830 in Bagdad das Haus der Weisheit, Bayt al-Íikma, als Institution für systematische Übersetzungen. Ange-schlossen waren eine Bibliothek und eine Sternwarte. Einer der ersten Leiter des Hauses der Weisheit war ein nestorianischer Christ, Íunayan ibn IsÎak (809 – 873). Sein Name verdient der Vergessenheit entrissen zu werden, denn er ist der Begründer der wissenschaftlichen Übersetzungskunst. Er schuf ein Team von Übersetzern und sammelte und kollationierte Handschriften des Originals, ehe der Text übersetzt wurde.

Der Islam kennt keinen Klerus.  Die entstehende Schicht Gebildeter war durch zwei gesellschaftliche Merkmale bestimmt. Vornehmlich wohlhabend gewordene Männer des Kaufmannsstandes konnten sich den Luxus von Bildung leisten.  Und dann waren es zum großen Teil Perser und Männer anderer nichtarabischer Völker, die den Islam angenommen hatten, also "Klienten" eines Arabers oder eines arabischen Stammes waren, mauwl. Man bildete sich, indem man sich selbst allein bemühte oder bei einem Lehrer hörte. Solche Kurse wurden, in unserer Sprache, privat erteilt, meist in einer Moschee. Im Anfang wurden gebil-dete Männer – Männer, die lesen und vorlesen konnten – einfach qurr’ genannt, "Vorleser", ein Wort, das dann später auf die Koranrezitatoren beschränkt wurde.  Bald wurde ein umfassender Ausdruck benutz, al-‘ulam, die Gelehrten.  Rasch setzte bereits im 2. Jahrhundert Hidschra eine Spezialisierung ein. Unter-schieden wurden die Koranexegeten, mufassirÙn, die Lehrer des religiösen Rechts, fuqah, die Traditionsgelehrten, die sich auf die Überlieferung, das Îad×, das Korpus der Überlieferung vom normsetzenden Reden, Handeln und Billigen des Propheten, stützten, und die Kontroverstheologen, die mutakallimÙn, die kalm betrieben, methodisch gefaßte Theologie. Man sieht, es sind Wissen-schaften, die das religiöse Wissen vermitteln, ‘ilm, die Religionswissenschaft.  Grammatik, Rhetorik und Literatur bildeten einen zweiten Zweig der Bildung, al-adab, die feine Bildung. Schließlich besaßen in der Abbasiden-Zeit alle größeren Städte Krankenhäuser mit Medizinschulen. Eine Sonderstellung nahmen Mathe-matiker und Astronomen ein, die meist im persönlichen Dienst eines Herrschers standen.

All dies war nicht und schon gar nicht staatlich organisiert, das heißt vom Kalifen und seinen Beamten abhängig. Von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung wurde die Entstehung von Schulen im organisatorischen Sinn (madrasa, pl. madris, deutsch auch "Medresse" genannt). Ehe sie erläutert wird, muß kurz auf die sogenannten Rechtsschulen (maÆhib, sg. al-maÆhab) hinge-wiesen werden.  Sie haben sich in heftigen methodischen und politischen Kämpfen herausgebildet und unterscheiden sich in theologischen Fragen – z.B. in der Frage, ob die Aussagen des Korans nur wörtlich oder auch metaphorisch ausgelegt werden dürfen) –, in methodischen juristischen Fragen – z.B. in der Anwendung des Analogieschlusses – und in praktischen Fragen – z.B. in der Weise des Freitaggebetes. Im Sunnismus gibt es heute vier solcher Rechts-schulen.  Während der politischen Auseinandersetzungen zwischen diesen Schulen, besonders zwischen der fundamentalistischen  Îanbalitischen und der damals wissenschaftlich auf der Grundlage der Theologenschule der Aš’ariya  formulierten šfi’itischen Schule , entstand, vornehmlich durch die Gründungen des seldschukischen Großwesirs NiÛam al-Mulk (1018-1092), die Institution der Madrasa. Sie ist bis ins 19. Jahrhundert hinein die maßgebliche Institution der höheren Bildung geblieben.

Die Madrasa entwickelte sich aus der Institution der Moschee. Moscheen gibt es in zwei Arten. Die Êami‘, die Freitagsmoschee, ist der Ort des feierlichen Frei-tagsgebetes, die masÊid, ist der Ort, an dem man Gott verehrt, aber auch zu Besprechungen und anderen Versammlungen zusammenkommt. Schon in früher Zeit wurde hier Unterricht erteilt, insbesondere der Elementarunterricht, kuttab. An eine masÊid war oft eine Herberge angeschlossen, Îan, ein Khan. Diese Kombination wurde die Zelle des islamischen höheren Schulwesens. Wenn Schüler in der Herberge wohnten und in der Moschee von einem Lehrer unterrichtet wurden, so war dies eine Schule, eine Madrasa.

In der Qualität der Lehre konnte eine Madrasa von einer einfachen Koranschule bis zur Hochschule reichen. Vorbildlich wurden die Gründungen NiÛm al-Mulks, der im Jahr 1067 in Bagdad eine Madrasa als Hochschule gründete, die NiÛmya.  Vom Lehrstoff her gesehen stand in jeder Madrasa das theologische Recht (aš-šar‘a, die Scharia) im Mittelpunkt. Dazu wurden auch die Basis-disziplinen gelehrt, Koran (Ôafsir), das Korpus der Überlieferung normsetzenden Redens, Handelns und Billigens des Propheten (Îadi×), Grammatik (‘arabiya) und Lexikographie.  Die Madrasa war die einzige kontinuierliche Institution höherer Ausbildung im Islam. Bis ins 19. Jahrhundert hinein fehlte hingegen jeder institu-tionelle dauerhafte Rahmen für die Fortentwicklung von Wissenschaften außer für fiqh, theologische Rechtswissenschaft. Für wissenschaftliche Theologie, (kalm), Philosophie (falsifa), Philologie (fiqh alluÈa), Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft (adab), Naturwissenschaften und Mathematik gab es keine institutionellen Forschungs- und Lehrstellen. Daß dennoch auch in diesen Wis-senschaften Großartiges geleistet wurde, ist dem Verdienst Einzelner zu verdanken.

Die Madrasa war in historischer Zeit nie eine Staatseinrichtung, das heißt vom Kalifen oder seiner Verwaltung eingerichtet, sondern immer eine "private"  Stiftung. Die Stifter regelten Besetzung und Unterrichtsstoff, letzteres im Rahmen der für die jeweilige Madrasa maßgeblichen Rechtsschule. Je nach Größe un-terrichteten mehrere Rechtsgelehrte, fuqah’. Die Zahl der Studierenden betrug ursprünglich etwa 10 bis 20 und wuchs später bis auf hundert und mehr an.  Das Studium schloß – und schließt – mit drei akademischen Graden ab, dem mundarris, unserem Doktorgrad vergleichbar, dem muft, Rechtsexperte, und dem faqh, dem Meister des Rechts.  So promovierte dürfen in der jeweiligen Rechtsschule (maÆhab) Rechtsunterricht erteilen und Rechtsgutachten für "Laien", eine fatw, erstellen.

Eine Madrasa war aber nicht immer nur eine nach innen gerichtete, der Ausbildung ihrer Schüler dienende Einrichtung. Sie konnte auch eine öffentliche Bildungsaufgabe haben. So schildert ein Pilger, der im Frühjahr 1183 auf dem Weg von Andalusien nach Mekka über Bagdad und Alexandrien kommt, die dortige Madrasa:

"Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten dieser Stadt, die in Wahrheit dem Sultan  zum Ruhme gereichen, gehören die Medressen und Unterkünfte, die für Men-schen der Wissenschaft und fromme Leute aus fernen Landen gebaut wurden. Dort findet jeder einen Ort, an den er sich zurückziehen kann, einen Lehrer, der ihn in dem von ihm gewünschten Wissensbereich unterweist, sowie eine finan-zielle Zuwendung, mit der er seine Bedürfnisse zu decken vermag."

Für die weitere Ausgestaltung des Schulwesens wurde bestimmend, daß das arabische und später das gesamte islamische Recht als Rechtsform für juristische Personen nur die Stiftung kennt, al-waqf. Das Römische Recht z.B. hatte für juristische Personen die Formen der der Körperschaft (collegium, uni-versitas), der Anstalt (institutum) und der Stiftung (legatum), Rechtsformen, die noch heute unser Recht bestimmen. Besonders die Körperschaft, eine rechts-fähige Vereinigung von Menschen, die ihren rechtserheblichen Willen von Innen durch ihre Mitglieder bilden kann, ist dem islamischen Recht fremd. Die Stiftung erhält ihre Ordnung von Außen, sie wird ihr auferlegt. Unter diesen Bedingungen war die Entwicklung des Gedankens der Selbstverwaltung, wie er an den euro-päischen Universitäten für die Wissenschaft, aber auch in Gilden, Zünften und Gemeinden verwirklicht worden ist und schließlich der Idee des demokratisch verfaßten Gemeinwesens zugrunde liegt, unmöglich.

 

2. Die Entstehung der europäischen Universität


Die Universität des lateinischen Mittelalters entstand zwischen 1150 und 1210 in Paris.  Der Entstehungsvorgang liegt weitgehend im Dunkel.  Ferruolo formu-liert: The university in Paris grew, ist was not founded.  Der Entstehungsprozess gilt als abgeschlossen mit der Promulgation ihrer Statuten im August 1215 durch Kardinal Robert von Courçon. "Universität" ist der Name für eine Institution, die ursprünglich eine Rechtsform war, die universitas, eine rechtsfähige Körper-schaft.  Die Pariser Universität und die anderen Universitäten des lateinischen Mittelalters waren eine universitas von universitates, das heißt eine Körperschaft, die aus Körperschaften bestand, den Fakultäten, den universitates magistrorum et scholarium, den rechtsfähigen Gemeinschaften von Professoren und Studen-ten. Die Professoren einer Fakultät wählten ihren Vorsteher, den Dekan. Der Vorsteher der Artisten-Fakultät, deren Grad alle Studierenden erworben haben mußten, ehe sie an einer der höheren Fakultäten – Theologie, Rechtswissen-schaft, Medizin – studieren konnten, hieß Rektor. Er vertrat zugleich die Gesamtuniversität.

Die Selbstverwaltung war das Neue gegenüber den bisherigen mittelalterlichen Schulen, den Kloster- und Domschulen. Die Fakultäten als Selbstverwaltungs-körperschaften beanspruchten, ihre akademischen Angelegenheiten selbst zu verwalten. Natürlich nahmen die Kirche – Papst und Bischöfe – und die welt-lichen Herrscher auf den Forschungs- und Lehrbetrieb Einfluß. Aber selten war die Forschungs- und Lehrfreiheit an den Universitäten für Jahrhunderte so groß, wie am Beginn. Zwei Gründe gab es hierfür. Das eine war die Organisation der Bettelorden, besonders der Dominikaner.  Sie operierten europaweit. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stellten die Bettelorden an den Universitäten die geistige Elite.  Und sie waren in der Lage, ihre Magister an den Brenn-punkten intellektuellen Geschehens einzusetzen, sie aber auch aus der Schuß-linie zu nehmen, wenn es irgendwo Probleme gab. Das zweite waren die gesell-schaftliche Anerkennung und die ökonomische Bedeutung, die sich Fakultäten erworben hatten und die es ihnen gestattete, durch kollektive Beschlüsse den kirchlichen und weltlichen Autoritäten zu widerstehen. Das wichtigste Mittel hierzu war die Migration, der Auszug einer Fakultät oder Universität oder die Androhung in eine andere Stadt.


3. Die Lösung der Philosophie aus der Vormundschaft der Theologie


Damit aber in diesem organisatorischen Rahmen, den die entstehende Universi-tät als Selbstverwaltungskörperschaft bot, Wissenschaft im europäischen Sinne entstehen konnte,  mußte sich die Philosophie aus der Bevormundung der Theologie und damit aus der Jurisdiktion der Amtskirche lösen.  Tatsächlich war dies ein langer Weg, der vom 13. Jahrhundert bis in die Neuzeit währte. Aber Zeit, Ort und Umstand lassen sich angeben, also die historische Situation, in der das Programm dieses Weges formuliert wurde.  Im Jahr 1248 wurde in Köln ein Studium Generale des Dominikaner-Ordens gegründet.  Leiter wurde Albertus Magnus (um 1200 – 1280). Seine Aufgabe wäre es gewesen, die aus ganz Europa zusammenkommenden Studenten aus dem Dominikaner-Orden Theo-logie, Sacra Sriptura, zu lehren. Statt dessen führte er eine revolutionäre Neue-rung ein, die für ihn mit einer zehnjährigen Forschungstätigkeit verbunden war: Er las im Jahr 1250 anstatt Sacra Scriptura , wie es seine Pflicht gewesen wäre, über die erst seit drei Jahren im lateinischen Europa bekannte Nikomachische Ethik des Aristoteles. Zunehmend über Spanien und später auch über Sizilien waren seit Anfang des 13. Jahrhunderts die Werke des Aristoteles und hierzu die Kommentare und andere Werke der arabischen Falsifa, besonders von Ibn Sina (Avicenna) und Ibn Rušd (Averroes) bekannt geworden und hatten eine von Theologen und kirchlichen Stellen argwöhnisch bis feindlich verfolgte intellek-tuelle Revolution ausgelöst. In dieser brisanten Situation faßte Albertus Magnus den Plan, dem lateinischen Mittelalter die gesamte Wissenschaft des Aristoteles, der Araber und der Juden in einer einzigen wissenschaftlichen Sammlung zugänglich zu machen: Nostra intentio est, omnes dictas – scilicet physicam, metaphysicam et mathematicam – facere Latinis intelligibilis. Nach zehn Jahren hatte er den ganzen Aristoteles kommentiert und versucht, dadurch die Kommen-tare der islamisch-arabischen Philosophen überflüssig zu machen. Europa sollte sich von der Vorrangstellung der islamischen Welt befreien und selbständig wer-den. Ziel dieses Programms war es, die intellektuell allen bisherigen im lateini-schen Mittelalter gelehrten Erkenntnissen überlegenen griechisch-arabischen Einsichten lehrbar zu erhalten, ohne die Vertreter der Amtskirche zu ihrem Ver-bot zu reizen. Die wichtigste Voraussetzung zur Durchführung dieses Programms war die Herausarbeitung der Autonomie der Philosophie gegenüber der Theolo-gie,  ohne der Theologie ihren eigenen Zuständigkeitsbereich zu nehmen. Dies gelang in zwei Schritten. Der erste Schritt war das Ausscheiden aller von Theo-logen vertretenen Lehren, über die sich nicht vernünftig räsonieren läßt, aus dem Wissenschaftsgebiet der Philosophie. Ob die Seelen der Verstorbenen nach dem Tode weiterleben oder nicht, ist keine philosophische Frage: quod animae de-functorum remaneant post mortem, non potest per philosophiam sufficienter sciri. Demgegenüber ist die Quelle der Theologie die Offenbarung und ihr Wissens-gegenstand das Wunder. ,   Der zweite Schritt ist die Begrenzung des philoso-phisch Wißbaren auf das rational Demonstrierbare: philosophus habet certitudi-nem demonsstrationis.  Die Autonomie der Philosophie wird durch ihre Be-grenzung gesichert. Hier kommt es nicht darauf an, ob der Versuch der Abgrenzung der Philosophie von der Theologie uns heute noch überzeugt, sondern darauf, daß damit das Programm entworfen wurde, das in noch langen Wegen zur europäischen Wissenschaft führte. Als den wichtigsten Satz dieses Programms kann man in unserer heutigen Sprache formulieren: Was Wissen-schaft ist, welche Methode wissenschaftlich ist, bestimmen die am wissenschaftlichen Diskurs Beteiligten.

 

4. Das Ausscheiden der Philosophie aus dem arabisch-islamischen Denken


Man kann die durch Albertus Magnus im lateinischen Mittelalter erreichte Position auch so umschreiben: die menschliche Vernunft (ratio) ist fähig, aus sich Wahrheit zu finden. Diese Position mußte gegenüber von kirchlichen Amtsträ-gern vertretenen Positionen erkämpft werden. Im Islam spielte die Vernunft (al-‘aql) von Anfang an eine wichtige Rolle. Der Koran betont an mehreren Stellen, daß die Vernunft den Menschen auszeichnet und daß er sie anwenden soll.  Ibn Rušd beginnt seinen "Kitb faÒl al-maql – Die entscheidende Abhandlung" mit dem Koran-Zitat Sure 59, Vers 12: "Denkt nach, die ihr Einsicht (al-abÒr) habt."  Aber vielleicht gerade weil die Vernunft im Koran eine so große Rolle spielt, die Feststellung ihrer Bedeutung also zum Gegenstandsbereich der Koranwissenschaft (Ôafsir) gehörte, etablierte sich keine autochthone rationale Wissenschaft. Erst die Rezeption der griechischen Philosophie, der Falsifa, führte zögernd zur methodischen Lösung von der Offenbarung. Aber die Lehren der Anhänger dieser Richtung, al-Kind (um 800 – um 870, lat. Alkindus), al-Frb (um 870 – 950, lat. Alfarabius), Ibn Sn (um 980 – 1037, lat. Avicenna) und Ibn Rušd (1126 – 1198, lat. Averroes), wurden aus der arabisch-islamischen Geistesgeschichte ausgeschieden, entfalteten dafür aber ihren Einfluß im latei-nischen Mittelalter. Wie in einem Kontrastprogramm zur lateinischen Entwicklung gerieten die sich auf die Vernunft stützenden Methoden im arabischen Raum zunehmend unter Druck. Die endgültige Auseinandersetzung mit der Falsifa leistete der bedeutendste islamische Theologe, al-Çazl (1058 – 1092, lat. Algazel).  In seinem "MunquiÆ"  berichtet er über sein Philosophiestudium und bezichtigt die Philosophen des Unglaubens und des Atheismus.  Al-Çazl be-ließ es aber nicht bei einem persönlichen Studium, sondern schrieb eine berühmt gewordene Widerlegung der Falsifa, den "Tahfut al-falsifa", unter dem Titel "Destructio philosophorum" erst spät ins Lateinische übersetzt, die "Widerlegung der Philosophie".  Wie groß unmittelbar die Wirkung des "Tahfut" des al-Çazl gewesen sein mag,  seither gab es in der arabischen mittelalterlichen Welt keine von der Offenbarung unabhängige Denkbewegung mehr. Die Widerlegung des al-Çazl durch Ibn Rušd hat die Kernländer des Islam nicht mehr erreicht.  Ibn Rušd hat eine Wirkung als Averroes nur im lateinischen Mittelalter bis weit hinein in die Renaissance ausgeübt.

 

5. Zusammenfassung


Der Vergleich der Entwicklungen im arabischen und im lateinischen Mittelalter zeigt, daß das Entstehen der europäischen Wissenschaft historisch kontingent und an ganz bestimmte Voraussetzungen gebunden war. Die Wurzel, die histo-risch am weitesten zurück reicht, ist die griechische Philosophie. Schon hier zeigt sich ein historischer Vorteil des Christentums gegenüber dem Islam: das Christentum entstand in Organisation und Lehre im Raum des Hellenismus,  im islamischen Kulturkreis mußte griechische Philosophie von Außen rezipiert werden.  Dann blieb im islamischen Mittelalter diese Rezeption das Werk Einzelner. Es gab keine gesellschaftliche Schicht, deren Interesse die Rezeption diente, keine Organisation, die die Rezeption gegenüber Angriffen durchhalten konnte, und keine Rechtsform, in der Freiheit organisierbar war. Im lateinischen Mittelalter waren die Vorbehalte gegen die Rationalität der griechischen Philo-sophie sicher ähnlich stark wie im arabischen Mittelalter und die Reaktion der Amtskirche war heftig.  Aber die gesellschaftliche Anerkennung der Nützlichkeit der die Universität prägenden Rationalität sowohl für das immer maßgeblicher werdende städtische Bürgertum – Universitäten und Bettelorden waren sozio-logisch städtische Organisationen – wie für das um ideologische Selbständigkeit gegenüber der Kirche kämpfende Königtum gestattete den Gelehrten, den Kampf korporativ durchzufechten. Ohne die Universität des lateinischen Mittelalters gäbe es keine europäische Wissenschaft und ohne die Rechtsform der universitas, der ihren Willen von Innen bildenden Körperschaft keine öffentliche Freiheit. Im Jahr 1789 schrieb Immanuel Kant:

"Es muß zum gelehrten gemeinen Wesen durchaus auf der Universität noch eine Fakultät geben, die, in Ansehung ihrer Lehren vom Befehle der Regierung unab-hängig, keine Befehle zu geben, aber doch alle zu beurteilen, die Freiheit habe, die mit dem wissenschaftlichen Interesse, d.i. mit der Wahrheit zu tun hat, wo die Vernunft öffentlich zu sprechen berechtigt sein muß; … die Vernunft aber ihrer Natur nach frei ist, und keine Befehle, etwas für wahr zu halten … annimmt."

Und im Jahre 1949 schrieben die Väter und Mütter des Grundgesetzes in die Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland:

"Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei."
(Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG)

Aus: Demokratie in Staat und Wirtschaft. Festschrift für Ekkehart Stein zum 70. Geburtstag, hg. von Heiko Faber und Götz Frank, Tübingen 2002, S. 297 – 308

1Dazu M. Fakhry, A History of Islamic Philosophy, sec. Ed., New York 1983, S. 12 ff. Erwähnt sei noch, das Íunayan auch das Alte Testament nach der Septuaginta ins Arabische übersetzt hat.
2Das ist nicht in der koranischen Offenbarung begründet, sondern das Ergebnis politischer Auseinandersetzungen in der Frühzeit des Islam. Dazu J. van Ess, Theologie und Gesellschaft im 2. Und 3. Jahrhundert Hidschra, 1. Bd., Berlin 1991, S. 41 ff.
3AbÙ Íanfa (gest. 767) z.B., der Begründer der Rechtsschule von Kufa, war Seiden-fabrikant, WÒil ibn A‘Ô’ (699 – 748/49), der am Anfang der Mu’tazila stand, war Tuch-händler und Bišr ibn al-Mu’tamir (gest. 825), ein bedeutender dichtender Theologe, war Sklavenhändler.
4Die Koranrezitation, al-quir’a, ist eine auf die Anfangszeit des Islams zurückgehende Kunst.
5Das Wort al-‘alim, der Gelehrte, kommt von dem Verb ‘alima, wissen, lehren, und al-‘ilm ist das Wissen, die Erkenntnis, die Wissenschaft, besonders die religiöse Wissenschaft.
6Dazu M. Fakhry, Philosophy, Dogma and the Impact of Greek Thought in Islam, Aldershot 1994, XVIII.
7Dazu H. Gericke, Mathematik in Antike und Orient, Wiesbaden 1992, 1. Teilband, S. 196 ff. und 261 ff.
8Dazu W. M. Watt, A. T. Welch, Der Islam I, Stuttgart 1980, S. 246 ff.´
9Dazu K. Dilger, Die Entwicklung des islamischen Rechts, in: Der Islam III, Stuttgart 1990, S. 64 f.
10Den Ausdruck verwende ich im religionswissenschaftlichen Sinne, daß der maßgeb-liche Text – im Islam also Koran und Sunna, das ist gemeinsam die Scharia (aš-šari‘a) – wörtlich genommen werden muß und als göttliche Offenbarung keiner modern-wissenschaftlichen Interpretation zugänglich ist.
11Dazu T. Nagel, Die Festung des Glaubens. Triumph und Scheitern des islamischen Rationalismus im 11. Jahrhundert, München 1988.
12Zu den religionspolitischen Auseinandersetzungen dieser Zeit E. Glassen , Der Mittlere Weg. Studien zur Religionspolitik und Religiosität der späten Abbasiden-Zeit, Wiesbaden 1981.
13Weitere Gründungen NiÛm al-Mulks lagen in Nišapur (Nordost-Iran), Herat (Nordwest-Afghanistan), Balch (Nord-Afghanistan), Merw (Turkmenien), Tacharistan (Ost-Iran) und in Mosul am Tigris.
14Zum Lehrplan der NiÛmya siehe M. Fakhry, a.a.O. (FN 6), XVIII, S. 93.

Zu nennen ist das im Jahr 1005 von dem Fatimiden-Kalifen al-ÍÁkim in Kairo als Akademie gegründete Haus der Wissenschaft, Dr al-‘ilm. Die Bibliothek war öffentlich, jeder konnte jeden Text kopieren, Feder, Papier und Tinte wurden gestellt. An die Akademie war eine Sternwarte angeschlossen, die allerdings nie vollendet wurde. An ihr wurden die berühmten Hakimschen Tafeln erarbeitet, die, im 13. Jahrhundert verbessert, europäischen Astronomen noch zu Beginn der Neuzeit zur Bestimmung von Sternörtern dienten. Erst durch die Arbeit Tycho Brahes verloren diese Tafeln ihre Bedeutung. Dazu U. Haarmann (Hg.), Geschichte der arabischen Welt, München 1987, S. 180. Diese Akademie unterschied sich grundsätzlich von den der Ausbildung im religiösen Recht dienenden Madrasen. Sie war der Pflege "aller Art von Wissenschaft und Bildung" gewidmet. Diese Akademie ist im Jahre 1123 wegen vorgeblicher Häresien geschlossen worden. Man sagt, der Kalif al-‘Azz habe die Bibliothek versteigern lassen und italieni-sche Kaufleute hätten Handschriften erworben.
  Den Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Recht gibt es in der Scharia nicht. Im arabischen Mittelalter gibt es nur den Unterschied "in eine Herrschaftsorga-nisation eingefügt – nicht in eine Herrschaftsorganisation eingefügt".
  Al-Çazl berichtet in seiner biographischen Schrift "Al-MunqiÆ – Der Erretter aus dem Irrtum", übers. Von Elschazl, Hamburg 1988, S. 16, daß er in Bagdad an der NiÛmya dreihundert Studenten unterrichtet habe.
  Dem sunnitischen Faqh entspricht in der Schia in etwa der yatollh.
  G. Magdisi, Madrasa (Medresse), in. Lexikon des Mittelalters, 5. Bd., Sp. 65 ff.
  Sultan Aladin (1175 – 1193). Daß der Ayyubiden-Sultan eine Madrasa stiftete, so wie NiÛm al-Mulk, der Großwesir des Seldschuken-Sultans MalikšÁh, bedeutet nicht, daß sie eine Institution der öffentlichen Verwaltung gewesen wäre, wie etwa die Steuer-behörde. Sultane und Wesire hatten nur infolge ihres großen Vermögens leichter die Möglichkeit, eine Madrasa finanziell gut auszustatten. Natürlich taten sie dies im poli-tischen, auch im religionspolitischen Interesse. Aber deswegen blieb die Madrasa den-noch rechtlich, in unserem Sprachgebrauch,  eine private Stiftung.
  Ibn Dschubair, Tagebuch ein es Mekkapilgers. Aus dem Arabischen übersetzt von R. Günther, München 1985, S. 25.
  Oft wird Bologna die Priorität zuerkannt. Aber erstens ist die Organisation der Rechts-schule (studium) von Bologna nicht älter als die von Paris – dazu P. Honemann, Bologna, C. Universitäten, in: Lexikon des Mittelalters, 1. Bd., Sp. 381 ff. Wichtiger ist, daß Bologna zuerst ein reines Rechtsstudium war. Ihm fehlte die die europäische Universität prägende Gliederung in Fakultäten. Erst Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts erscheint in Bologna als rechtlich selbständige Organisation die Universitas artistarum, die aber eine Rumpfuniversität blieb. Dazu ebd. Sp. 386.
  Zum folgenden St. C. Ferruolo, The Origins of the University. The Schools of Paris and their Critics, 1100 – 1215, Stanford California 1985, S. 279 ff.
  Ebd. S. 282.
  Dazu W. Rüegg (Hg.), Geschichte der Universität in Europa, 1. Bd., München 1993, S. 50 ff.
  Der Prediger-Orden, genannt Dominikaner-Orden, besaß damals die modernste selbst-verwaltete Organisationsstruktur. Dazu A. Podlech, Die Herrschaftstheorie des Johannes von Paris, in: Der Staat, 16 (1977), S. 489.
  Für den Dominikaner-Orden hierzu knapp L. Sturlese, Die deutsche Philosophie im Mittelalter, München 1993, S. 330 f.
  Noch nach 1950 drohte die Landwirtschaftliche Fakultät der Universität Bonn nach Münster i.W. auszuziehen, wenn die Stadt Bonn ihre Vorhaben verwirkliche, eine Umgehungsstraße durch das Gelände der Versuchsfelder der Fakultät zu führen.
  Die akademische Behandlung der Metaphysik und der naturphilosophischen Schriften des Aristoteles an der Pariser Universität wurde im Jahr 1210 durch Dekret einer Bischofssynode und im Jahr 1215 durch die neuen, von Robert von Courçon verfaßten Universitätsstatuten verboten. Als die Pariser Universität im Jahr 1229 wegen einer Aus-einandersetzung mit dem französischen König in Streik trat – während eines Wirtshausstreits hatte ein königlicher Polizist einen Studenten getötet – warb die durch Vertrag zwischen dem König Ludwig IX. und Graf Raymund VII. von Toulouse – der Vertrag beendete den Albingenser-Krieg – aus dem Jahr 1229 im gleichen Jahr gegründete Universität Toulouse damit, daß dort die in Paris verbotenen Schriften des Aristoteles studiert werden könnten. Dazu F. Van Steenberghen, Die Philosophie im 13. Jahrhundert, München 1877, S. 90 ff., 101 ff.
  Eine wichtige Rolle hierbei spielt, worauf hier nur kurz hingewiesen werden kann, Petrus Abaelard (1079 – 1142), der zum erstenmal Freiheit von Forschung und Lehre im Rahmen der Sacra Sriptura gefordert hat, also in der Theologie Freiheit von der Tradition der Kirchenväter. Dazu A. Podlech, Abaelard und Heloisa, München 1990, S. 155 ff.
  Nur ein Beispiel für die überkommene Lehre: Im Jahr 1228 richtete Papst Gregor IX. (1227 – 1241) aus Anlaß von Universitätswirren einen Brief an die Professoren der theologischen Fakultät der Universität Paris, in dem er darauf hinwies, daß die Philoso-phie Dienerin der Theologie sei, der Königin der Wissenschaften, daß dieses Verhältnis nicht umgekehrt und die Dienerin nicht zur Herrin gemacht werden dürfe. Dazu F. Van Steenberghen, a.a.O., S. 101.
  Das folgende verdanke ich L. Sturlese, a.a.O., S. 325 ff.
  Etwas verkürzend kann man sagen, daß der Ausdruck "Universität" mehr ein Rechts-begriff war – rechtsfähige Körperschaft mit dem Recht, akademische Grade zu verleihen –, während "Studium Generale" mehr auf Forschung und Lehre abzielte. Mindest-bedingung eines Studium Generale war ein über die artes liberales hinausgehendes Bildungsprogramm, die Öffentlichkeit des Lehrbetriebs und die Internationalität der Studierenden. Auf Dauer wurden die Ausdrücke "Universität" und "Studium Generale" im Hochmittelalter synonym verwendet.
  "Heilige Schrift". Der von Abaelard eingeführte Ausdruck "Theologie" hatte sich noch nicht durchgesetzt.
  Dabei muß man beachten, daß der gesamte Bereich der dann aufgrund dieser Konzeption entstehenden Naturwissenschaften damals zur Philosophie gehörte: philo-sophie naturalis. Noch Isaak Newton nannte sein im Jahr 1686 erschienenes Hauptwerk "Philosophiae naturalis principia mathematica" und erst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde an der Universität Bonn die Naturwissenschaftliche Fakultät aus der Philosophischen Fakultät entlassen.
  Wunder sind alles nicht rational Einsehbare, sind also alle zentralen christlichen Dogmen wie Trinität, Doppelnatur Jesu, die Jungfrauengeburt, das Altarssakrament. Der Ausdruck ist also bei Albertus nicht negativ diskriminierend gemeint.
  Darin liegt implizit ein dritter Schritt und zwar der wichtigste. Zum Wissenschaftsgebiet der Theologie gehören formal keine Fragen, die der Untersuchung durch die Philosophie, also des Räsonements der Vernunft  zugänglich sind. Das aber hat Albertus Magnus so noch nicht formuliert und innerhalb fundamentalistischer Strömungen im Christentum wird dies auch heute noch nicht anerkannt.
  Hier befindet sich Albertus Magnus in Übereinstimmung mit Ibn Rušd. In seinem "Kitb faÒl al-maql – Die entscheidende Abhandlung", übersetzt von M. J. Müller, Philosophie und Theologie von Averroes, Neudruck Weinheim 1991, S. 2, führt er aus, "daß es notwendig ist, daß wir die Betrachtung der existierenden Dinge durch den Verstandes-Syllogismus anstellen." Dieser Verstandes-Syllogismus (qiys al-‘aql) ist die aristotelische ’apódeixis, arabisch al-burhn. Diesen speziellen Text des Averroes kannte Albertus Magnus zwar nicht, aber der Gedanke durchzieht das gesamte Werk des Ibn Rušd.
  Dies waren bis zur Renaissance vornehmlich die Mitglieder der Universitäts-Fakultäten und dann in der frühen Neuzeit, weil sich die Universitäten weitgehend methodisch als unreformierbar erwiesen – ein Nachteil der Selbstverwaltung –, die Mitglieder der Akade-mien und wissenschaftlichen Vereinigungen. Dazu I. Kant, Der Streit der Facultäten in der Abschnitten, A3, in I. Kant, Werke in sechs Bänden, hg. von W. Weischedel, 6. Bd., Darmstadt 1964, S. 279: "Professoren, … die zusammen eine Art von gelehrtem gemein Wesen, Universität (auch hohe Schule) genannt, ausmachten, die ihre Autonomie hätte (denn über Gelehrte, als solche, können nur Gelehrte urteilen)." Kant wußte noch, was eine Universität ist.
  Der Sinnzusammenhang besteht meist darin, daß es der Vernunft (al-‘aql) oder Ver-standes (al-ÎiÊr) bedarf, um die Zeichen (yt), die Gott gesandt hat, zu verstehen. Das Wort für Zeichen (ya) benennt sowohl die Zeichen der Schöpfungsmacht Gottes wie die einzelnen Koranverse. Also sowohl um Gott aus der Natur zu erkennen wie um den Koran als Offenbarung Gottes zu erkennen, bedarf es der Vernunft.
  Oben FN 38.
  Zu al-Çazl W. M. Watt, M. Marmura, Der Islam II: Politische Entwicklungen und theologische Konzepte, Stuttgart 1985, S. 407 ff.; M. Fakhry, A History of Islamic Philo-sophy, oben FN 1, S. 246 ff.
  Dazu oben FN 17.
  In der zitierten Übersetzung S. 16. Dazu die eingehende Kommentierung des Übersetzers S. 90 ff. Anzumerken bleibt, daß al-Çazl ein ausgezeichneter Kenner der Falsifa war. Er wußte, worüber und warum er schrieb.
  Es gibt leider keine deutsche Übersetzung. Zum Inhalt W. M. Watt, M. Marmura, a.a.aO. (FN 42), S. 413 ff. und in der zitierten Übersetzung des "MunqiÆ" im Kommentar S. 113 ff. Ibn Rušd hat eine ebenso berühmte Widerlegung al-Çazls geschrieben, den "Tahfut at-tahfut", die "Destructio destructionis". Dazu unten FN 47.
  Dazu W. M. Watt, a.a.O., S. 416 f.
  Ibn Rušds Text wurde unter dem Titel "Destructio destructionis" im Jahre 1328 ins La-teinische übersetzt. Eine arabische Edition erfolgte erst im Jahre 1930 in Beirut, die erste englische Übersetzung erschien im Jahr 1954 in Oxford. Da Ibn Rušd den Text al-Çazls genau wiedergibt, läßt sich der Text das al-Çazl der "Widerlegung der Wider-legung" des Ibn Rušd entnehmen. Dazu: "Die Hauptlehren des Averroes nach seiner Schrift: die Widerlegung des Gazali", übersetzt und erläutert von M. Horten, Bonn 1913; "Averroes‘ Tahafut al-Tahafut (The Incoherence of Incoherence)", translated by S. van den Bergh, Cambridge 1987,
  Damit hängt ein weiteres zusammen. Die Autoren des lateinischen Mittelalters konnten bereits auf eine von Cicero und Boethius entwickelte lateinische Terminologie philoso-phischer Fachausdrücke zurückgreifen und die Diskussion der Gelehrten an den Univer-sitäten hielt die Gemeinsamkeit der Terminologie durch. Im arabischen Mittelalter fehlten sowohl die Vorarbeit wie der institutionelle Rahmen für die Entwicklung einer ein-heitlichen Terminologie. Die Vielfalt der arabischen Entsprechungen griechischer Termini ist verwirrend. Auch an diesem Beispiel sieht man den Vorteil, den der Wissen-schaftsbetrieb innerhalb des organisatorischen Rahmens der Universitäten bot. Auch das, was wir "Terminologie" nennen, verdanken wir der mittelalterlichen Universität. Erst auf der Folie des arabischen Mittelalters betrachtet erschließt sich das Besondere der europäischen Geschichte ganz, nämlich die Emanzipation von der religiöstheolo-gischen Überzeugung, daß Wahrheit autoritativ bestimmt werden kann.
  Dies hat eine Parallele im Verhältnis zum Staat. Das Christentum entwickelte sich in einer res publica, dem Imperium Romanum, die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, mußte sich ihre Herrschaftsordnung, das Kalifat oder Imamat, erst schaffen und so konnte eine Trennung von Herrschaftsorganisation und Umma im arabischen Mittelalter nicht und bis heute im islamischen Bereich nur schwer gedacht werden.
  Dazu "Aufklärung im Mittelalter? Die Verurteilung von 1277. Das Dokument des Bischofs von Paris", eingeleitet, übersetzt und erklärt von K. Flasch, Mainz 1989.
  I. Kant, a.a.O., A8f., S. 282. Und wie um zu dokumentieren, daß europäische Wissen-schaft zwei Wurzeln hat, die griechisch-arabische Herausforderung, auf die Freiheit antwortet, beginnt die Promotionsurkunde Immanuel Kants aus dem Jahr 1755 in ara-bischer Schrift und Sprache mit der Basmala: "Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen". Dekan war Johann Bernhard Hahn, Professor für Theologie, Philologie und orientalische Sprachen. Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Mohammed Ibrahim, der mir eine Kopie der Promotionsurkunde Immanuel Kants schenkte.


 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 30. Juni 2009 um 22:08 Uhr
 
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